Coaching in beruflichen Konflikten

Unschuld-Ich?

Der Arbeitsplatz ist keine Selbsterfahrungsgruppe. Rücksichtnahme im Beruf kann nicht soweit gehen, dass alle ihr Verhalten an den persönlichen Eigenheiten einzelner Teammitglieder ausrichten.

Coaching hingegen ist eine gute Möglichkeit der Selbsterfahrung, die zur Erweiterung der beruflichen Sozialkompetenz und der Erhaltung der Gesundheit beiträgt. Im Gegensatz zu einer Psychotherapie werden im Coaching berufliche Situationen in einem begrenzten Zeitraum beleuchtet und geklärt, so dass neue Handlungsziele entstehen oder Entscheidungsfindungen unterstützt werden.

Die gewohnheitsmäßige Opferhaltung

In der Bestandsaufnahme beruflicher Themen höre ich häufig bittere Beschwerden über langanhaltende Konflikte am Arbeitsplatz. Die Beschreibungen der Beteiligten sind von Unzufriedenheit bis hin zu tiefgehender Feindseligkeit geprägt, die die Motivation aushöhlen und das Klima vergiften. Verbitterung wird zum ständigen Alltagsbegleiter und die Beschäftigung mit dem Verhalten der Kolleg*innen führt dazu, dass diese quasi mietfrei im eigenen Kopf wohnen.

In meinem langen Berufsleben habe ich live erleben dürfen, wie Menschen sich in dieser Situation als Opfer von Kolleg*innen oder der Umstände beschreiben. Viele verfallen in eine Art Duldungsstarre, die das Denken, die Wahrnehmung und ihr Verhalten lähmt. Opfer klagen ohne zu handeln und verkeilen sich mit ihren vermeintlichen Gegnern in einem Kreislauf von Angriff und Gegenangriff.

Vorteile des Opfermodus

  • er sichert die Zuwendung von außen und hält den Kreislauf von bedauern und bedauert werden in Schwung
  • er sichert ein verständnisvolles Publikum
  • er schützt davor, selbst Verantwortung für die Situation zu übernehmen
  • er bietet die Möglichkeit klarer Schuldzuweisungen

Forderer und Vermeider

Unter den Opfern gibt es die Forderer, die ihrem Umfeld gern vorschreiben möchten, wie die Dinge sein müssen oder wie Menschen sich ihrer Meinung nach vor allem ihnen gegenüber verhalten sollen. Diese Forderungen vertreten sie häufig aggressiv und mit dem Hinweis, wer an ihrer Benachteiligung Schuld ist. Ihre Absicht ist oft, ihr Umfeld damit zu kontrollieren. Kolleg*innen und Vorgesetzten werden Macht und Absichten zugeschrieben, die diese nicht haben.

Die Vermeider unter den Opfern wollen nicht in Vorleistung für unsichere Gesprächs- oder Arbeitsergebnisse gehen, wenn sie dafür ihre Komfortzone verlassen müssen. Sie äußern ihre Wünsche gern hinter den Kulissen, gegenüber Dritten oder verabschieden sich aus der Kommunikation am Arbeitsplatz.

Auswirkungen der Opferhaltung auf das berufliche Umfeld

Sowohl Forderer als auch Vermeider neigen dazu, Diskussionen über berufliche Sachprobleme zu Beziehungskonflikten zu machen, deren Opfer sie sind. Das Spektrum reicht vom harmlosen Jammern bis hin zur Benennung eines Sündenbocks, der als Zielscheibe für die Störungen im Arbeitsumfeld herhalten soll. Dieser Sündenbock kann eine wichtige Funktion für ein Team haben. Einerseits ist er ein Ventil für die Spannungen im Team, die durch eine andere Person, auch das vermeintliche Opfer, ausgelöst wurden. Andererseits bietet der gemeinsame Fokus in der Ablehnung einer Person das Gefühl von Gemeinsamkeit, Stärke und einvernehmlichem Handeln.

Hartnäckige Opfer lösen in ihrem Umfeld peinliches Schweigen oder Schuldgefühle aus, die dazu führen, dass sie geschont werden. Die Konsequenzen, die ihr manipulatives Handeln für Einzelne hat, werden heruntergespielt. Das Arbeitsklima ist geprägt von Macht- und Überlegenheitsgesten, die sich zum Beispiel durch Schweigen, Ausweichen und Ausgrenzung zeigen.

Coaching in beruflichen Konfliktsituationen

Im Coaching erstelle ich mit meinen Kund*innen eine Konfliktlandkarte und lerne die persönlichen Strategien zur bisherigen Bewältigung dieser Situation kennen. Besonders interessiert mich, welche Lösungsversuche schon gut funktioniert haben.

Wenn die Situation im ersten Schritt nicht ohne jammern und klagen zu bewältigen ist, empfehle ich oft die Einrichtung einer Opferecke in der Wohnung. Dort sind täglich 15 Minuten lang Opferklagen erlaubt. Damit habe ich auch selbst gute Erfahrungen gemacht. Außerhalb der Opferecke lade ich meine Kund*innen ein, ihre Klagen in Entwicklungsziele umzuformulieren.

Mögliche Entwicklungsziele sind:

  • lernen, nicht jedes Sachproblem zu einem Beziehungsproblem zu machen
  • die eigene Duldungsstarre zu überwinden und handlungswirksame Ziele entwickeln, die zu 100% unter eigener Kontrolle liegen
  • die eigene Selbstkontrolle und Handlungssteuerung erhöhen
  • das innere Gleichgewicht durch Entspannungstechniken entwickeln
  • eigene Bedürfnisse wahrnehmen lernen, so dass andere nicht mehr als Sündenbock für die eigene Unzufriedenheit herhalten müssen
  • sozialverträgliche Formen der Selbstbehauptung lernen
  • von Vergeltungsphantasien Abschied nehmen und auf Vorwürfe oder Wiedergutmachung verzichten

Wenn ein Gespräch am Arbeitsplatz zu der Konfliktsituation nicht mehr möglich ist, habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, auf Versöhnungs- oder Annäherungsversuche völlig zu verzichten und die Sachthemen bzw. die Bewältigung der Aufgaben in den Mittelpunkt der eigenen Aufmerksamkeit zu stellen.